Gendersensibles Coaching? Ich wusste gar nicht, dass ich das längst mache.
Warum nicht jedes Problem, mit dem eine Frau ins Coaching kommt, ein individuelles Problem ist
Vor einiger Zeit wurde ich für eine Masterarbeit interviewt. Es ging um die beruflichen Entwicklungsverläufe von Frauen und darum, welche Rolle geschlechtsspezifische Lebensphasen und Rahmenbedingungen dabei spielen.
Eine der Fragen war, inwieweit ich Geschlechterungerechtigkeiten und unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen für Frauen und Männer in meinem Coaching berücksichtige.
Meine spontane Antwort war: Sehr deutlich.
Und gleichzeitig hatte ich in diesem Gespräch einen kleinen Aha-Moment.
Denn natürlich war mir bewusst, dass meine feministische Haltung meine Arbeit als systemische Coachin prägt. Aber dass es für das, was ich da mache, auch einen Fachbegriff gibt, hatte ich bis dahin gar nicht so auf dem Schirm:
Gendersensibles Coaching.
Heute würde ich sagen: Genau das ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.
Denn wenn eine Frau zu mir ins Coaching kommt, sehe ich nicht nur sie und ihr individuelles Anliegen. Ich schaue immer auch auf das System, in dem sie lebt und arbeitet.
Und das kann einen großen Unterschied machen.
Was bedeutet gendersensibles Coaching?
Wir alle wachsen mit bestimmten Vorstellungen davon auf, wie Frauen und Männer sind oder sein sollten.
Diese Rollenbilder begegnen uns überall: in unseren Familien, in der Schule, in Kinderbüchern, in Filmen und Medien, im Berufsleben.
Natürlich wirken diese Einflüsse nicht auf jeden Menschen gleich. Und selbstverständlich ist auch nicht jedes Problem automatisch ein strukturelles oder geschlechtsspezifisches Problem.
Aber genauso wenig können wir so tun, als würde Geschlecht in unserer Arbeits- und Lebenswelt überhaupt keine Rolle spielen.
Für mich bedeutet gendersensibles Coaching deshalb vor allem:
Ich schaue auf den einzelnen Menschen – und auf die Bedingungen, unter denen dieser Mensch lebt, arbeitet und Entscheidungen trifft.
Wichtig ist dabei: Gendersensibles Coaching ist kein Coaching nur für Frauen.
Geschlechterrollen und gesellschaftliche Erwartungen betreffen uns alle.
Auch ein Mann kann beispielsweise erleben, dass von ihm erwartet wird, beruflich immer verfügbar zu sein, Karriere zu machen oder der Hauptverdiener zu sein. Wenn er seine Arbeitszeit reduzieren möchte, um mehr Verantwortung für seine Kinder zu übernehmen, kann er genauso mit Rollenbildern und Erwartungen konfrontiert werden.
Gendersensibel zu coachen bedeutet deshalb nicht, grundsätzlich Frauen als benachteiligt und Männer als privilegiert zu betrachten. Es bedeutet, aufmerksam dafür zu sein, welche Rolle Geschlecht, Sozialisation und gesellschaftliche Erwartungen für den konkreten Menschen und sein Anliegen spielen.
Ich selbst habe mich in meiner Coachingarbeit auf Frauen spezialisiert. Das ist meine Zielgruppe, und hier bringe ich neben meiner fachlichen Ausbildung auch meine eigene Erfahrung als Frau mit ein.
Aber das Prinzip des gendersensiblen Coachings geht darüber hinaus.
Wissenschaftlicher Blick: Wenn strukturelle Probleme zu persönlichen Problemen werden
Die Wissenschaftlerinnen Eva-Maria Graf und Melanie Fleischhacker haben ein Coachinggespräch mit einer weiblichen Führungskraft untersucht. Dabei betrachten sie, wie Geschlecht, Organisation und Führung im Coaching zusammenspielen.
Ihre Analyse zeigt: Strukturelle Konflikte können im Coaching schnell als persönliche Unzulänglichkeit der Frau behandelt werden. Der Blick richtet sich dann darauf, was sie anders oder besser machen müsste – ohne zu hinterfragen, welche Rolle die Organisation, bestehende Strukturen oder Geschlechterbilder spielen.
Damit kann eine wichtige Perspektive verloren gehen – und auch die Erkenntnis: Nicht alles, was mir Schwierigkeiten macht, liegt an mir.
Quelle: Graf, Eva-Maria & Fleischhacker, Melanie (2020): „Wenn ich es nicht schaffe, liegt es an meiner Person und nicht an meiner Leistung“ – Die Individualisierung struktureller Probleme im Coaching weiblicher Führungskräfte. Coaching | Theorie & Praxis, 6, 111–133.
Du bist nicht automatisch das Problem
Frauen kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu mir ins Coaching. Zum Beispiel:
„Ich möchte in Meetings selbstbewusst meine Meinung sagen.“
„Ich möchte lernen, mich besser durchzusetzen.“
„Ich möchte mich besser organisieren, damit ich wieder mehr Zeit für meine Familie, meine Freund:innen und mich selbst habe.“
„Ich möchte herausfinden, wie es beruflich für mich weitergehen soll.“
Das sind erst einmal individuelle Ziele. Und natürlich können wir genau daran im Coaching arbeiten.
Aber mich interessiert dabei auch:
Was steckt eigentlich dahinter?
Wenn eine Frau in Meetings kaum zu Wort kommt – liegt das nur an ihrem Selbstvertrauen? Oder spielt auch die Gesprächskultur eine Rolle?
Wenn sie Familie, Beruf und alles andere kaum noch unter einen Hut bekommt – braucht sie wirklich ein besseres Zeitmanagement? Oder trägt sie schlicht zu viel Verantwortung?
Wenn sie sich in ihrem Job nicht wohlfühlt – muss sie sich verändern? Oder passt vielleicht der Rahmen nicht?
Deshalb ist mir ein Satz in meiner Arbeit besonders wichtig:
„Du bist nicht automatisch das Problem, nur weil du diejenige bist, die unter einer Situation leidet.“
Ich schaue nicht nur auf die Frau
Als systemische Coachin kann ich das System, in dem eine Frau lebt, nicht einfach ausblenden.
Deshalb schaue ich im Coaching vereinfacht auf drei Ebenen:
1. Was passiert bei mir selbst?
Was denke und fühle ich? Was kann ich gut? Was ist mir wichtig? Welche Erfahrungen und Glaubenssätze bringe ich mit? Und welche Muster habe ich vielleicht irgendwann einmal gelernt?
2. In welchem direkten Umfeld bewege ich mich?
Wie funktioniert mein Unternehmen? Wie wird dort geführt? Was wird von mir erwartet? Wie sieht es in meiner Familie oder Partnerschaft aus? Wer übernimmt welche Verantwortung?
3. Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wirken auf mich?
Welche Rollenbilder begegnen mir? Welche Erwartungen gibt es an Frauen, Mütter oder Führungskräfte? Welche strukturellen Bedingungen spielen möglicherweise eine Rolle?
Nicht immer sind alle drei Ebenen gleich wichtig.
Aber ich möchte sie im Blick haben.
Denn sonst besteht die Gefahr, dass aus einem strukturellen Problem ganz schnell ein persönliches wird.
Auch Unternehmen sind nicht automatisch geschlechtsneutral
Das gilt besonders für unsere Arbeitswelt.
Viele Strukturen, die uns heute ganz selbstverständlich erscheinen, sind in einer Zeit entstanden, in der Erwerbs- und Care-Arbeit sehr viel eindeutiger verteilt waren.
Und diese Geschichte wirkt teilweise bis heute nach.
Wissenschaftlicher Blick: „Gendered Organizations“
Bereits 1990 stellte die US-amerikanische Soziologin Joan Acker die vermeintliche Geschlechtsneutralität von Organisationen infrage.
Sie zeigte, dass Strukturen, Hierarchien und auch die Vorstellung eines scheinbar „idealen“ Beschäftigten von Geschlechterbildern geprägt sein können. Besonders interessant ist dabei die Vorstellung eines Beschäftigten, der für seine Arbeit weitgehend verfügbar ist – weil Care-Verantwortung in diesem Bild kaum vorkommt.
Quelle: Acker, Joan (1990): Hierarchies, Jobs, Bodies: A Theory of Gendered Organizations. Gender & Society, 4(2), 139–158.
Und genau deshalb lohnt es sich zu fragen:
Welche Bedingungen gelten hier eigentlich als normal – und für wen funktionieren sie gut?
„Mein Partner nimmt mir schon viel ab.“
Besonders deutlich wird das für mich beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Wenn eine Frau zu mir kommt, weil sie erschöpft ist, kaum noch Zeit für sich hat oder Familie und Beruf kaum unter einen Hut bekommt, frage ich deshalb nicht nur:
„Wie kannst du dich besser organisieren?“
Ich frage auch:
„Wie sieht es eigentlich zu Hause aus? Wer übernimmt welche Verantwortung?“
Eine Klientin sagte mir einmal sinngemäß:
„Mein Partner nimmt mir schon viel ab.“
Und ich antwortete:
„Ach, er macht also seinen Job.“
Sie musste lachen.
Aber genau darum geht es.
Wenn ein Vater seine Kinder betreut oder Verantwortung im Haushalt übernimmt, hilft er nicht seiner Partnerin bei ihren Aufgaben. Es sind gemeinsame Aufgaben.
Das bedeutet übrigens nicht, dass ich einem Paar im Coaching sage, wie es seine Aufgaben aufzuteilen hat.
Darum geht es mir nicht.
Eine Aufteilung muss auch nicht zwangsläufig 50:50 sein.
Die viel wichtigere Frage ist:
„Ist das eine bewusste Entscheidung, mit der beide zufrieden sind? Oder haben sich Aufgaben eingeschlichen, weil wir sie schon immer für selbstverständlich gehalten haben?“
Zahlencheck: Care-Arbeit ist weiterhin ungleich verteilt
Frauen ab 18 Jahren leisten in Deutschland durchschnittlich knapp 29,5 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Männer knapp 20,5 Stunden.
Das sind rund neun Stunden Unterschied pro Woche. Der Gender Care Gap liegt nach den revidierten Ergebnissen der Zeitverwendungserhebung 2022 bei 43,4 Prozent.
Zu dieser unbezahlten Arbeit gehören unter anderem Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Zeitverwendungserhebung 2022, revidierte Ergebnisse vom Juni 2025.
Für mich zeigen diese Zahlen ziemlich deutlich:
Wenn eine Frau über Überlastung und Vereinbarkeit spricht, wäre es zu einfach, ihr nur ein besseres Zeitmanagement zu empfehlen.
Und trotzdem: Das System ist nicht an allem schuld
Mir ist aber die andere Seite genauso wichtig.
Gendersensibles oder feministisches Coaching bedeutet für mich nicht nur:
Das Patriarchat ist schuld. Das System ist ungerecht.
Denn ja: Es gibt patriarchale Strukturen. Und es gibt strukturelle Ungerechtigkeiten.
Aber dabei darf es nicht stehen bleiben.
Denn auch innerhalb dieser Strukturen hast du Handlungsspielräume. Vielleicht kannst du nicht das ganze System verändern. Aber du kannst schauen:
Was kann ich beeinflussen? Was kann ich anders machen? Und wie möchte ich mit den Bedingungen umgehen, die ich gerade nicht verändern kann?
Ich habe beispielsweise eine Frau begleitet, die in einem stark männlich geprägten beruflichen Umfeld ihre erste Führungsverantwortung übernommen hatte.
Natürlich konnten wir die Unternehmenskultur nicht einfach verändern.
Also haben wir uns angeschaut:
Wie funktioniert dieses Unternehmen eigentlich? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie kommuniziert ihre Führungskraft? Was davon kann sie nicht beeinflussen?
Und vor allem:
Was kann sie beeinflussen?
Mit der Zeit konnte sie ihren Vorgesetzten immer besser einschätzen. Sie wusste, welche Informationen er brauchte, wie sie bestimmte Themen ansprechen konnte und wie sie selbst mit schwierigen Situationen umgehen wollte.
Sie musste sich dafür nicht verbiegen.
Aber sie hatte Möglichkeiten gefunden, die zu ihr passten.
Und genau darum geht es mir.
Es gibt fast immer kleine Hebel
Es muss nicht immer die große Veränderung sein.
Manchmal hilft es schon, eine Situation anders einzuordnen.
Zu erkennen:
„Vielleicht bin ich gar nicht so unfähig, wie ich gerade denke.“
Oder die eigenen Fähigkeiten nicht ständig kleinzureden.
Ein Gespräch anders vorzubereiten.
Eine Grenze zu setzen.
Etwas anders anzusprechen.
Eine neue Reaktion auszuprobieren.
Und dann vielleicht zu merken:
„Hey, das funktioniert ja.“
Genau diese kleinen Hebel können wir im Coaching suchen.
Nicht DIE Lösung für die Frau.
Sondern den Weg, der zu ihr passt.
Und manchmal passt der Rahmen einfach nicht
Es gibt aber auch Situationen, in denen wir irgendwann feststellen:
„Nein. Es liegt tatsächlich nicht nur an mir. Dieser Rahmen passt nicht zu mir.“
Ich habe eine junge Frau begleitet, die zunächst nicht wusste, wie sie ihre berufliche Situation einschätzen sollte.
„Ist das gerade eine riesige Karrierechance? Oder werde ich hier eigentlich verheizt?“
Wir haben uns im Coaching sehr intensiv damit beschäftigt, was ihr wichtig ist, welche Werte sie hat und unter welchen Bedingungen sie arbeiten möchte.
Und am Ende war ihre Antwort ziemlich klar:
„Dieser Rahmen passt nicht zu mir.“
Auch das kann ein Ergebnis von Coaching sein.
Denn eine Frau kann an ihrer Kommunikation arbeiten. Sie kann selbstbewusster werden, ihre Stärken erkennen und lernen, Grenzen zu setzen.
Aber sie kann sich nicht in jedes Unternehmen hineincoachen.
Manchmal ist der eigene Handlungsspielraum eben auch die Entscheidung, sich einen anderen Rahmen zu suchen.
Es geht weder um Anpassung noch um Ohnmacht
Für mich liegt genau hier der entscheidende Punkt:
„Es kann nicht die Lösung sein, dass immer nur die Frau sich ändern muss.“
Aber genauso wenig hilft die Haltung:
„Das System ist eben so. Ich kann sowieso nichts machen.“
Gendersensibles Coaching bedeutet für mich, beides zusammenzubringen: die Rahmenbedingungen zu erkennen und gleichzeitig den eigenen Handlungsspielraum zu suchen.
Manchmal liegt der in kleinen Veränderungen.
Manchmal darin, einen Rahmen aktiv mitzugestalten.
Und manchmal in der Entscheidung, einen Rahmen zu verlassen, der nicht zu mir passt.
Feministisches und gendersensibles Coaching gehören für mich zusammen
Ich bin ausgebildete systemische Personal & Business Coachin und habe zusätzlich eine Weiterbildung als feministische Coachin.
Beides prägt meine Haltung.
Als systemische Coachin schaue ich nicht nur auf einen Menschen, sondern auf die Systeme und Zusammenhänge, in denen dieser Mensch lebt.
Und meine feministische Perspektive sorgt dafür, dass ich dabei Geschlecht, Rollenbilder, Sozialisation und strukturelle Ungleichheiten nicht einfach ausblende.
Nicht jedes Thema hat mit Geschlecht zu tun.
Aber wenn es eine Rolle spielt, möchte ich es erkennen und ansprechen können.
Denn genau das kann schon entlasten:
„Du bist damit nicht alleine.“
Und dann kommt für mich der entscheidende zweite Schritt:
„Was kannst du trotzdem tun?“
Für mich lässt sich gendersensibles Coaching deshalb eigentlich mit drei Schritten ganz gut zusammenfassen:
Verstehen. Handlungsspielraum erkennen. Den eigenen Weg finden.
Und genau das ist auch das Ziel meiner Arbeit: Frauen dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden – einen Weg, der zu ihren Stärken, ihren Werten und ihrem Leben passt.






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