Am Sonntag war der 8. März – Weltfrauentag.
Für mich ist dieser Tag jedes Jahr ein Moment zum Innehalten. Denn dieser Tag ist kein Feiertag. Er ist ein Tag, um hinzuschauen. Um sichtbar zu machen, wo Gleichberechtigung noch immer nicht Realität ist.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Auch im Jahr 2026 sind Frauen noch immer nicht gleichgestellt.
- Frauen verdienen im Schnitt 16 % weniger als Männer.
- Sie leisten 44 % mehr unbezahlte Care-Arbeit.
- Am Ende ihres Lebens erhalten sie 25 % weniger Rente.
- Und sie sind deutlich häufiger von Altersarmut betroffen.
Dazu kommen die vielen kleinen Situationen im Alltag.
- Frauen werden in Bewerbungsgesprächen nach ihrem Kinderwunsch gefragt.
- Sie werden häufiger unterbrochen.
- Ihre Ideen werden überhört – bis ein Mann denselben Gedanken wiederholt.
- Und weltweit sind Frauen deutlich häufiger von Gewalt betroffen – meist im privaten Umfeld.
Ist das eigentlich ein Naturgesetz?
Wenn wir diese Zahlen sehen, könnte man fast glauben, dass diese Ungleichheit irgendwie „natürlich“ ist.
Doch das stimmt nicht. In einem großen Teil der Menschheitsgeschichte haben Menschen ganz anders zusammengelebt.
- Gruppen haben sich gegenseitig unterstützt.
- Kinder wurden gemeinschaftlich großgezogen.
- Nahrung wurde geteilt.
- Alle haben dort geholfen, wo Hilfe gebraucht wurde.
Strenge Geschlechterrollen, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht in dieser Form. Erst im Laufe der Zeit hat sich unsere Gesellschaft so entwickelt, dass vermeintlich männliche Eigenschaften – Wettbewerb, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit – immer stärker in den Vordergrund rückten. Fürsorge hingegen wurde abgewertet.
Und genau hier beginnt eines der größten Missverständnisse unserer Zeit.
Die unsichtbare Grundlage unserer Gesellschaft
Heute reden wir viel über Wirtschaftswachstum, Produktivität und Wohlstand. Doch wenn wir ehrlich sind, basiert unsere Gesellschaft auf etwas ganz anderem: Fürsorge.
Menschen, die sich kümmern. Die Kinder betreuen. Die Angehörige pflegen. Die Familien organisieren. Die emotionale Arbeit leisten.
Diese sogenannte Care-Arbeit ist die unsichtbare Infrastruktur unserer Gesellschaft. Ohne sie würde unser Alltag innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen.
Ein Gedankenexperiment
Gestern, am 9. März, wurde weltweit zum Frauenstreik aufgerufen. Und ich habe mich gefragt: „Was würde eigentlich passieren, wenn wirklich alle Frauen ihre Arbeit niederlegen würden?“ Nicht nur ihre bezahlte Arbeit. Sondern auch die unbezahlte.
Ich bin heute Mittag durch unseren Ort spaziert. Alles lief ganz normal.
Die Menschen im Altenheim wurden versorgt.
Die Kinder in der Kita wurden betreut.
In der Grundschule fand Unterricht statt.
Der Supermarkt war geöffnet.
Auch die Apotheke hatte geöffnet.
Doch wenn man genauer hinschaut, wird schnell klar:
- Über 80 % der Pflegekräfte sind Frauen.
- Über 90 % der Erzieherinnen sind Frauen.
- Rund 90 % der Grundschullehrkräfte sind Frauen.
- 2/3 aller Beschäftigten im Einzelhandel sind Frauen.
Wenn all diese Frauen heute streiken würden, würde unser System innerhalb kürzester Zeit ins Wanken geraten.
Denn ohne Care-Arbeit funktioniert unsere Gesellschaft schlicht nicht.
Warum nicht alle Frauen streiken
Tatsächlich sind gestern viele tausend Frauen auf die Straße gegangen. Und gleichzeitig waren es längst nicht alle.
Aber nicht, weil Gleichberechtigung kein Thema mehr wäre.
Sondern weil viele Frauen genau wissen, was passieren würde, wenn sie ihre Arbeit einfach niederlegen würden.
Viele von ihnen arbeiten in Berufen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten:
- In der Pflege.
- In Kitas.
- In Schulen.
- In Familien.
Wenn sie einfach aufhören würden, könnten Menschen nicht versorgt werden. Kinder würden nicht betreut werden.
Unser Alltag würde ins Wanken geraten.
Viele Frauen stecken zudem in einem Alltag, der kaum Raum lässt, einfach auszusteigen. Sie organisieren Familienleben, tragen Verantwortung im Job und versuchen gleichzeitig, allem gerecht zu werden. Und manche Frauen können es sich schlicht nicht leisten zu streiken. Gerade Alleinerziehende stehen oft vor einer existenziellen Realität: Wenn sie ihren Job verlieren, stellt sich sofort die Frage, wie sie ihre Kinder versorgen sollen.
Deshalb gilt mein besonderer Dank all den Frauen, die trotzdem auf die Straße gegangen sind.
Die laut sind.
Die ihre Stimme erheben.
Die sichtbar machen, was sonst unsichtbar bleibt.
Sie kämpfen nicht nur für sich selbst. Sie kämpfen für viele andere Frauen mit. Das ist echte Solidarität. Denn letztlich geht es nicht darum, unsere Gesellschaft zum Zusammenbruch zu bringen. Es geht darum, endlich Wertschätzung und Respekt für Care-Arbeit zu schaffen.
Meine eigene Geschichte mit Care-Arbeit
Lange Zeit habe ich selbst gedacht: „Ich bin doch gleichberechtigt. Ich kann alles erreichen.“ Bis ich Mutter von drei Kindern wurde. Nach und nach nahm die Care-Arbeit immer mehr Raum ein. Mein Mann und ich haben uns vieles aufgeteilt. Und trotzdem wurde es immer anstrengender.
Ich habe meine Arbeitszeit reduziert.
Erst auf 28 Stunden.
Dann auf 20.
Am Ende sogar auf 15 Stunden.
Ich dachte immer: „Irgendwann muss es doch entspannter werden.“ Doch das passierte nie. Erst während der Corona-Zeit begann ich wirklich hinzuschauen. Ich habe gelesen, recherchiert und angefangen zu verstehen: Ich hatte zwar die Erwerbsarbeit reduziert, aber der Anteil an Care-Arbeit nahm stetig zu – und hier nicht nur die sichtbaren Aufgaben. Sondern vor allem die unsichtbaren.
- Das Planen.
- Das Erinnern.
- Das Organisieren.
- Der sogenannte Mental Load.
Heute sprechen wir in unserer Familie viel bewusster darüber. Wir planen Aufgaben. Wir verteilen Verantwortung.
Und wir versuchen sichtbar zu machen, was sonst im Hintergrund passiert.
Perfekt klappt das nicht immer. Aber es macht einen großen Unterschied.
Eine Frage zum Schluss
Vielleicht ist der Weltfrauentag genau dafür da: Uns daran zu erinnern, was unsere Gesellschaft wirklich trägt.
Und vielleicht lohnt es sich, sich einmal selbst zu fragen: Welche unsichtbaren Aufgaben übernimmst du jeden Tag – ohne dass jemand sie sieht?






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