Über Mutterinstinkt, Mental Load und die gläserne Decke – und warum diese Vorstellungen keine Naturgesetze sind
Warum ich 2025 vor allem Mythen entlarvt habe
Wenn ich das vergangene Jahr reflektiere, dann nicht in Zahlen oder Meilensteinen. Was mich 2025 vor allem beschäftigt hat, war etwas anderes: Ich habe viele Mythen entlarvt:
- Mythen über Mutterschaft.
- Über Care-Arbeit.
- Über Gleichberechtigung.
Je mehr ich mich mit diesen Themen beschäftigt habe, desto klarer wurde mir:
Diese Mythen wirken leise – aber sie prägen unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Selbstbild tief.
Mythos 1: Der Mutterinstinkt ist angeboren
Schon lange war mir klar, dass die Mutterrolle, so wie wir sie heute kennen, keine biologische Selbstverständlichkeit ist, sondern kulturell geprägt.
Was mich in diesem Jahr jedoch besonders beeindruckt hat, sind neurowissenschaftliche und anthropologische Erkenntnisse, die diese Annahme klar belegen.
Das Buch „Mythos Mutterinstinkt“ von Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner bringt es sehr treffend auf den Punkt:
„Die Geburt einer Mutter ist ein Prozess über Jahre hinweg und benötigt weit mehr als neun Monate Schwangerschaft und ein paar Stunden Wehen.“
Diese Aussage deckt sich mit anthropologischen Forschungen, die zeigen:
Mütter bauen nicht automatisch und sofort nach der Geburt eine tiefe Bindung zu ihrem Kind auf. Bindung entsteht über Zeit, durch Beziehung, durch Alltag – nicht durch einen biologischen Schalter, der sich bei der Geburt umlegt.
Auch die Hirnforschung bestätigt diesen Prozess eindrücklich.
Auf MRT-Bildern lassen sich Frauen in der sogenannten „Mutterzeit“ mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit erkennen. Das Gehirn von Müttern verändert sich – vergleichbar mit den Umbauprozessen in der Pubertät.
Entscheidend ist dabei jedoch:
Mütterverhalten ist nicht instinktiv. Das Umfeld und die Lebenssituation haben einen enormen Einfluss darauf, wie eine Mutter auf ihr Baby reagiert.
Diese Erkenntnis ist zentral.
Denn sie nimmt Druck von Frauen, die glauben, sie müssten „von Natur aus“ wissen, was zu tun ist – unabhängig von Schlafmangel, Belastung, fehlender Unterstützung oder widersprüchlichen Erwartungen.
Besonders wichtig finde ich dabei auch den Blick auf Väter und andere Bezugspersonen.
Denn die Hirnforschung zeigt weiter:
Männer erleben genauso wie Frauen Veränderungen ihrer Hirnstruktur, wenn sie Eltern werden. Sie werden sensibilisiert und können dank ihres Hirn-Updates besser auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen.
Elternschaft ist also kein weiblicher Sonderzustand.
Sie ist ein Lern- und Entwicklungsprozess, den unterschiedliche Menschen durchlaufen können – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Genau diese Erkenntnisse empfinde ich als zutiefst entlastend.
Sie verschieben den Fokus weg von vermeintlichem Versagen hin zu einer entscheidenden Frage: Welche Unterstützung, welches Wissen und welche Räume brauchen Eltern wirklich?
Aus diesem Verständnis heraus fließt dieses Wissen auch in mein aktuelles Angebot „Der etwas andere Geburtsvorbereitungskurs – was dir vorher keiner sagt“ ein.
Nicht, um neue Ideale zu schaffen – sondern um Mythen abzubauen und Selbstbestimmung zu stärken.
Mythos 2: Weihnachten ist die besinnlichste Zeit des Jahres
Weihnachten gilt als die schönste Zeit des Jahres.
Besinnlich. Warm. Familiennah.
In der Realität erleben viele Mütter etwas anderes.
Kurz vor Weihnachten habe ich einen Vortrag zum Thema Mental Load gehalten. Passend zur Jahreszeit habe ich dort eine Frage gestellt:
Was zählt eigentlich alles zu Care-Arbeit – speziell rund um Weihnachten?
Die Liste war lang. Sehr lang.
- Adventskalender besorgen, basteln und befüllen.
- Plätzchen backen.
- Wunschzettel merken.
- Nikolausgeschenke organisieren.
- Weihnachtsdeko besorgen und schmücken.
- Adventskranz basteln.
- Geschenke für die ganze Familie organisieren.
- Weihnachtsbaum kaufen, aufstellen, schmücken.
- Weihnachtsessen planen und kochen.
- …
Hinzu kommen all die Dinge, die oft nicht einmal als Arbeit wahrgenommen werden:
- Kuchen backen für Adventsbasare.
- Helfen bei Adventsfeiern in Schule oder Kita.
- An Aufführungstermine denken.
- Weihnachtskarten schreiben.
- Geschenke für Postboten, Erzieherinnen oder Lehrerinnen organisieren.
- …
Als diese Liste im Raum stand, wurde es still. Nicht, weil sie überraschend war – sondern weil sie so vertraut ist. Mental Load zeigt sich genau hier: in der Verantwortung fürs Drandenken, Planen, Koordinieren und Organisieren. Und diese Verantwortung liegt – gerade in der Weihnachtszeit – noch immer überwiegend bei Frauen.
Spannend ist dabei eine andere Frage: Wer hat eigentlich entschieden, dass das so sein muss? In frühen menschlichen Gemeinschaften galt das Prinzip von Sharing & Caring. Verantwortung wurde geteilt – unabhängig vom Geschlecht.
Dass heute vor allem Frauen diese Aufgaben übernehmen, ist kein Naturgesetz. Es ist ein kulturell erlerntes Muster. Und genau deshalb erleben viele Mütter den Dezember nicht als besinnlich, sondern als zusätzliche Belastung.
Mehr Erwartungen. Mehr To-dos. Mehr Unsichtbarkeit.
Für uns als Familie ist deshalb der Sommer die schönste Zeit des Jahres.
Mehr Leichtigkeit. Weniger Termine. Mehr echtes Zusammensein.
Vielleicht liegt die Sehnsucht nach Besinnlichkeit gar nicht an Weihnachten selbst –
sondern an gerechter verteilten Verantwortlichkeiten.
Mythos 3: Frauen sind doch längst gleichberechtigt
„Wir sind doch heute alle gleichberechtigt.“
Diesen Satz höre ich oft. Und gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit mit Frauen etwas anderes.
Viele zweifeln an sich.
Machen ihre Leistungen klein.
Übersehen ihre Erfolge.
Nicht, weil sie weniger können – sondern weil sie sich in Strukturen bewegen, die ihnen immer noch subtil signalisieren: Du gehörst nicht ganz dazu.
Die gläserne Decke beginnt im Alltag
Ein zentraler Faktor ist die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Frauen leisten in Deutschland rund 44 % mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer. In der Lebensphase, in der Kinder klein sind (um das 34. Lebensjahr), steigt dieser Unterschied sogar auf über 100 %. Diese Mehrbelastung verschwindet nicht, wenn Frauen Karriere machen.
Im Gegenteil: Je höher das Einkommen, desto stärker berichten Frauen von einem schlechten Gewissen – und übernehmen noch mehr Sorgearbeit statt weniger.
Gleichzeitig investieren Frauen in Führungspositionen deutlich mehr Zeit in das Wohlbefinden ihrer Teams als ihre männlichen Kollegen. Eine Kompetenz, die wichtig ist – aber selten als Karrierefaktor anerkannt wird.
Arbeitszeitmodelle als Karrierebremse
Auch Arbeitszeitmodelle wirken strukturell gegen Frauen. In vielen Organisationen gelten Überstunden noch immer als unausgesprochenes Karrierekriterium. Für Männer wird Mehrarbeit als Leistungsbereitschaft interpretiert.
Für Frauen – insbesondere für Mütter – dagegen oft als Problem.
Teilzeit wird so zur Karrierebremse.
Nur ein sehr kleiner Teil der Führungskräfte arbeitet in Teilzeit, obwohl viele Frauen ihre Arbeitszeit nicht freiwillig reduzieren. Studien zeigen: Nur etwa 12 % der Frauen, die weniger als 20 Stunden arbeiten, tun dies aus freier Entscheidung.
Der Rest passt sich an – an fehlende Betreuungsangebote, an gesellschaftliche Erwartungen, an Strukturen, die Vollzeitverfügbarkeit voraussetzen.
Netzwerke, die nicht für alle zugänglich sind
Karriereentscheidungen fallen zudem selten allein in formellen Meetings. Sie entstehen häufig in informellen Netzwerken – nach Feierabend, beim Sport, in vertrauten Runden.
Frauen haben zu diesen Netzwerken oft weniger Zugang. Nicht aus Desinteresse, sondern weil ihre Lebensrealitäten andere sind – oder weil sie dort schlicht nicht mitgedacht werden.
Ein bekanntes Muster ist der sogenannte „Thomas-Kreislauf“:
Menschen fördern – meist unbewusst – Menschen, die ihnen ähnlich sind. „Der Thomas stellt den Thomas ein.“
Das Ergebnis: Homogene Führungsebenen, in denen Frauen und andere Minderheiten lange als „die Anderen“ wahrgenommen werden. Erst ab einem Anteil von etwa 40 % beginnt sich die Kultur spürbar zu verändern. Erst dann entsteht Zugehörigkeit statt Anpassungsdruck.
Unbewusste Vorurteile wirken leise – aber wirksam
Hinzu kommen unbewusste Vorurteile, die wie Filter im Kopf wirken. Sie entstehen durch Sozialisation und Prägung – und beeinflussen Entscheidungen, ohne dass wir es merken:
- Frauen werden in beruflichen Kontexten häufiger als Assistentinnen wahrgenommen.
- Seltener ermutigt, Führungsverantwortung zu übernehmen.
- Häufiger hinterfragt – und gleichzeitig strenger bewertet.
Diese Mechanismen sind kein individuelles Versagen. Sie sind Ausdruck struktureller Ungleichheit. Und solange sie existieren, können wir nicht von echter Gleichberechtigung sprechen.
Fazit: Mich von diesen Mythen zu lösen, war eine bewusste Entscheidung
Für mich persönlich habe ich eine klare Entscheidung getroffen:
Ich löse mich von diesen Mythen!
Von der Vorstellung, dass Mutterschaft instinktiv funktionieren müsse.
Von der Idee, dass Care-Arbeit selbstverständlich weiblich ist.
Und von dem Narrativ, dass wir Frauen doch längst gleichberechtigt seien – wenn wir uns nur genug anpassen.
Dieser Weg war und ist nicht immer leicht. Denn sich von Mythen zu lösen bedeutet auch, vertraute Bilder loszulassen. Erwartungen zu hinterfragen. Und manchmal gegen das eigene schlechte Gewissen anzugehen.
Gerade in Zeiten des Übergangs – wie zum Jahresende in den Rauhnächten – wird mir das besonders bewusst. Diese Tage zwischen Weihnachten und Neujahr laden dazu ein, innezuhalten und ehrlich hinzuschauen:
- Was trage ich weiter?
- Und wovon darf ich mich lösen?
Für mich ist diese Entscheidung klar. Es ist der richtige Weg. Vor allem in meinem Herzen. Diese Haltung prägt nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch meine Arbeit.
Ich begleite Frauen dabei, ihre eigenen inneren Maßstäbe zu entwickeln – jenseits von gesellschaftlichen Zuschreibungen und vermeintlichen Selbstverständlichkeiten.
Räume für solche Prozesse entstehen unter anderem in meinem Karriereprogramm Get On Your Way.
Quellen & weiterführende Literatur
- Rösler, Annika & Höllrigl Tschaikner, Evelyn: Mythos Mutterinstinkt
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Gender Care Gap
- Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Care-Arbeit & Gleichstellung
- McKinsey & Company: Women in the Workplace
- Zykunov, Alexandra: Wir sind doch längst alle gleichberechtigt / Was wollt ihr denn noch alles?!
- AllBright Stiftung: Studien zu Frauen in Führungspositionen
- Süddeutsche Zeitung: Analysen zu Teilzeit, Erwerbsarbeit & Care-Arbeit
Die genannten Studien, Bücher und Veröffentlichungen haben meine Perspektive auf Mutterschaft, Arbeit und Gleichberechtigung wesentlich geprägt und fließen kontinuierlich in meine Arbeit ein.





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